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London Marathon – Rennbericht

Hallo, zurück in Chur. Mit einer weiteren Finisher-Medaille, einem schrecklichen Finisher-T-Shirt, viel zu erholten Beinen und einigen Fragezeichen im Kopf. Aber schön der Reihe nach.

Ich hatte ja am Sonntag in einer “Blitz-Schaltung” (Beim London Marathon ging GAR NICHTS) bereits einige Fakten publiziert. Hier also ein etwas detaillierterer Bericht.

Vorbereitung
Ich kann nur sagen: problemlos. Die letzte Tapering-Woche verlief genau nach Plan. Die beiden kurzen Trainings in London fühlten sich sehr gut an, ich hatte für mich auffallend gute Beine. Auch ansonsten sind bei mir die Tage und Stunden vor dem Rennen eingespielt. Mein 22. Marathon sollte mich vor keine allzu grossen Probleme stellen. Dachte ich…

Start ins Rennen
Typisch für so grosse Marathons wie New York, Boston oder London ist die sehr frühe Anfahrt und das anschliessende “Herumhängen” im Startgelände. Die Organisation war allerdings einwandfrei, typisch englisch. Es hatte sogar Hilfspersonal beim Zuordnen der nächsten freien Toitoi-Kabinen… :shock:

Kurz nach dem Start war ich überrascht, wie eng die Strasse war und wie unregelmässig gelaufen wurde. Und wie so oft hatten sich viele Läufer viel zu weit vorne eingereiht und wurden entsprechend schon ganz am Anfang geschubst und überholt. Im Vergleich zu Berlin aber ein deutlich zähflüssigerer Start, es geht in London viel länger, bis man seinen eigenen Rhythmus laufen kann. Meine erste 5km-Zwischenzeit von 23:06 belegt das. Allerdings machte ich mir deswegen nichts draus, ein verhaltener Start in einen Marathon ist immer ok.

Km 12: Was ist los?
Wie immer hatte ich zehn Minuten vor dem Start noch 0.5 dl Wasser getrunken. Dies hat den Vorteil, dass dieses Wasser nicht mehr in die Blase gelangt, sondern direkt verschwitzt wird. Und weiter kann ich dann jeweils den ersten Wasserposten nach rund drei Kilometer auslassen. Das Feld ist so kurz nach dem Start jeweils noch so dicht, dass an den Wasserständen fast schon Faustrecht herrscht…

Erst nach gut zehn Kilometer habe ich das erste Mal richtig verpflegt. Auch dieses Vorgehen in mehreren Marathons erprobt, ich gebe dem Körper und Magen bewusst Zeit, den Rhythmus zu finden. Aber schon mit dem letzten Schluck Wasser merkte ich, dass etwas nicht stimmt. Umgehend hatte ich heftiges Seitenstechen, ein mir absolut unbekanntes Phänomen in einem Marathon. Und obwohl ich auf ganz regelmässige Atmung achtete, wollte das Seitenstechen und die kleinen Mägenkrämpfe nicht nachlassen.

Bereits nach 15 Km (da hat der Marathon noch nicht einmal angefangen) merkte ich, wie ich langsam müde werde. Das getrunkene Wasser wollte irgendwie nicht “ins System” sondern blieb im Magen und “gluggselte” umher. Mir war klar, dass ich heute auch mit Willen und Biss nichts reissen konnte, irgendwie funktionierte die Energiebereitstellung nicht.

Km 16: Plan B, Longjogg
Nach zehn Meilen war das Rennen quasi zu Ende, ich schaltete auf “Autopilot” und “Longjogg” um und wollte einfach noch schön fertig laufen. Den Halbmarathon passierte ich in 1:36h. Normalerweise laufe ich da nach 1:28 bis 1:30 durch, ja sogar am schlecht gelaufenen Virgin Runners Halbmarathon hatte ich nur 1:31h. Obwohl ich deutlich die Intensität herunter schraubte, ging die Ermüdung weiter. Die Beine waren zwar nach wie vor problemlos, aber der Oberkörper verspannte sich und schmerzte von Bauch und Rücken bis in den Nacken. Erinnerungen an mein “persönlichens Waterloo” in Boston wurden wach.

Km 30: Aufgeben ist nie eine Option!
Hey, viele Kommentare zum Artikel vom Sonntag gratulieren mir, dass ich trotzdem fertig gelaufen bin. Danke! Wirklich, danke! Aufgeben ist für mich aber nie eine Option. Fast nie. Ich würde einen Marathon aufgeben, wenn ich bleibende gesundheitliche Risiken sähe. Oder wenn es aufgrund von Schmerzen in Gelenken nicht mehr gehen würde. Aber nie, nur weil ich nicht mehr mag! Wenn ich dir einen Tipp geben kann: Lauf auch die Hundsmarathons fertig! Sonst wir aufgeben vor jedem Rennen zur Option. “Ich starte mal, kann ja immer noch aufhören, wenn’s nicht läuft.” Bitte nicht, der “Schaden” im Unterbewusststein einer Aufgabe wird stark unterschätzt. In Boston ging 2004 absolut nichts und ich musste bereits ab der Hälfte laufen. Ich bin dann in 4:29h ins Ziel gewandert, nur einige Monate später mit 3:04h einen Rekord gelaufen. Und ich bin heute so happy, dass ich dieses Rennen fertig gemacht habe.

Ziel: Erlösung, Verwunderung, Respekt & Demut
Also zurück zum London Marathon. Irgendwie schleppte ich mich über die restliche Distanz, fühlte mich aber ziemlich ausgetrocknet und schwach. Nach 3:28h war ich im Ziel. Und gleichzeitig musste ich lächeln: “Heinomol, diese Medaille musstest du dir super-hart verdienen!” In solchen Momenten verspüre ich den grössten Respekt vor allen Läufern, die jemals einen Marathon gelaufen sind. Diese Momente gehören wohl zu unserem Sport. Sie zeigen, dass gute Leistungen nicht immer nach Plan abgerufen werden können. Und sie machen deutlich, welche Gewalts-Leistung das Rennen von 42.2  km auch heute noch ist!

Einige persönliche Schlussbetrachtungen

  • Im Nachhinein habe ich erfahren, dass am Sonntag der wärmste je durchgeführte London Marathon statt fand.
  • Von 34′000 Läufern und Läuferinnen benötigten knapp 6′000 medizinische Hilfe.
  • Die Schlagzeitle im Evening Standard: “Marathon runners drop like flies in the London sunshine.”
  • Offensichtlich hat’s mich in der Umstellung von Winter- auf Sommerschweiss erwischt. Wie damals in Boston. Sehr sehr salzhaltiger Schweiss, weisse Ränder auf T-Shirt und Shorts, limitierte Leistungsfähigkeit.
  • Und hey: auch bei einem absoluten Gurkenlauf bleibe ich unter 3:30h, das freut mich wieder.
  • Das war er, mein 22. Marathon. Und jeder hat seine ganz eigene Geschichte. Irgendwie faszinierend… :razz:

Jetzt gibt’s erst einmal zwei bis drei Wochen Regeneration. Keine langen und keine schnellen Einheiten. Aber doch ein bisschen Laufen und Mountainbiken. Stay tuned!

8 comments

1 Hannes { 04.29.09 at 17:23 }

Deine Einstellung finde ich weiterhin super, da kann man dir nur erneut gratulieren und für den Bericht danken. Ganz davon ab ist die Zeit ja wahrlich toll – für einige sicherlich nie erreichbar.

Viel Spaß beim Regenerieren. Und sei froh, dass du nicht zu den 6.000 gehörtest ;)

2 rwilli { 04.29.09 at 20:30 }

@Hannes
Think positive! Deinen “Aufsteller” mit den 6′000 finde ich echt gut!

3 Daniel { 04.30.09 at 19:28 }

finde es immer wieder interessant deinen blog zu lesen. danke für diesen rennbericht. ich werde mich hüten, je einen wettkampf abzubrechen obwohl der gedanke schon ein paar mal während einem wettkampf aufkam.

4 Hector { 04.30.09 at 23:06 }

Heya Rico

Auch ich habe am Wochenende meinen Marathon gelaufen. Auch ich habe meine Vorgaben nicht ganz erreicht. Mit der Zeit lernt man aber, ein Rennen nicht nur aufgrund der Zeit als gut oder schlecht zu betrachten. Ich teile den Marathon in Teilziele auf. Ich bin bis km 30 gut gelaufen. Im Anschluss bin ich ein wenig eingebrochen, obwohl ich das Gefühl gehabt habe, dass es mir gelingen sollte, die 2. Hälfte schneller zu laufen als die 1. Hälfte. Aber es hat nicht sollen sein. Obwohl ich ca. 8 Minuten über meiner persönlichen Bestleistung geblieben bin, hat mir das Rennen gezeigt, dass die Vorbereitung gut war. Meine Erkenntnis ist, dass ich mehr am Tempo arbeiten will uns muss, sei das mit mehr km im Renntempo oder mit Hügelläufen.
Ich haben auch den Vorteil, dass ich immer wieder mit einem Laufpartner trainieren kann, das motiviert und wir haben es auch immer wieder lustig. Die ganze Sache soll ja auch immer noch Spass machen. Ich wünsche dir eine gute Vorbereitung für Berlin und hoffe, dass du die richtigen Schlüsse für die neue Vorbereitungszeit ziehst.

Bleibe dran und gehe konsequent deinen Weg. Ich denke, dass du auf dem richtigen Weg bist. Man kann gut vorbereitet an einen Marathon gehen, man kann vieles planen, aber am Schluss hat jeder Marathon seine eigene Geschichte. Marathon ist Spannung, Spass, Leidenschaft, aber auch knallharte Arbeit. Glück und Enttäuschung sind sehr nahe beeinander. Aber ich glaube, dass genau das auf mich einen gewissen Reiz ausübt……

Sportliche Grüsse
Tat Ngugi

5 rwilli { 05.01.09 at 19:32 }

@Daniel
Tiptop. Immer schön durchlaufen! Es sei denn, die Gesundheit steht auf dem Spiel oder die Gelenke machen nicht mehr mit. Aber glaub’ mir, die “grossen Räubergeschichten” liefern die Läufe, bei denen es gar nicht gut lief… ;-)

6 rwilli { 05.01.09 at 19:34 }

@Hector
Danke für deinen Kommentar! Aber du hältst dich noch bedeckt. Was bedeutet “8 Minuten über meiner persönlichen Bestleistung”? bist du 2:38h statt 2:30h gelaufen? Oder 2:18h statt 2:10h? ;-)

7 Hector { 05.02.09 at 12:58 }

Leider bin ich nicht so schnell, mit hat es “nur” für eine 3:03h gereicht. Aber die Saison ist noch lang. Und schon bald beginne ich mit der Vorbereitung für Berlin.
Zuerst (sofern es mit der Schweinegrippe nicht schlimmer wird) fliege ich am 16.05.2009 nach Spanien (Andalusien). Zum ersten Mal nehme ich an einem Trainingslager teil. Die Kursleitung obliegt keinem geringeren als Viktor Röhtlin. Ganz nach dem Motto: lerne von den Besten. Ich bin gespannt und freue mich sehr.

8 Gartenmöbel Berlin { 05.22.09 at 20:51 }

Gut gemacht, weiter so!

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